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Letzten Donnerstag war es wieder mal so weit: Ich feierte mein Dasein. Das gibt auch immer etwas die Möglichkeit Antworten zu suchen. Im “Hitchhikers Guide to the Galaxy” wurde die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ja mit 42 beantwortet. Da ich wegen dem Auffahrtsfest den ganzen Tag frei hatte, entschied ich mich für ein kleines Experiment um die Antwort zu finden, wie man sich auf Social Media am besten für Glückwünsche bedankt.

Gratulationen erfolgen heute über Social Media

Wie schon viele andere bereits früher festgestellt haben, erfolgen heutzutage die meisten Gratulationen nicht mehr über Besuche (das Ding, wo man klingeln muss), SMS oder Telefon (das Ding, wo man bezahlen muss) sondern über Xing, Facebook, Twitter und Konsorten. Das ist billig (darum funktionieren die Plattformen auch) und praktisch (die erinnern einem an die Geburtstage). Letzteres ist auch für mich ein Segen. Ich lege selbst nicht so grossen Wert auf die Geburtstagsfeierei, darum vergesse ich auch schon mal den einen oder anderen Geburtstag. Nichts desto trotz freue ich mich natürlich über jeden Glückwunsch.

Social Media ist ein Massenmedium

Doch Social Media ist ein Massenkommunikationsmittel, die Diskussionen um möglichst viele Follower, Retweets und Favs sind Zeugnis davon. An Geburtstagen bemerkt man das besonders gut. Es ist schlicht umwerfend, von wie vielen Menschen man Gratulationen bekommt. Überrollt von der Lawine der Gratulationen, greift man jeweils zu einem kollektiven “Dankeschön”, ob auf Facebook oder auf Twitter. Das wollte ich dieses Jahr nicht tun.

Das Experiment: Jedem persönlich und möglichst individuell antworten

Da ich, wie eingangs erwähnt, einen arbeitsfreien Tag hatte, wollte ich jedem einzeln mit einer möglichst individuellen Botschaft für eine Gratulation danken. Sprich: Wer mir kurz und knapp “Happy Birthday” sagte, bekam kurz und knapp Antwort. Wer einen originelle Wunsch sandte, sollte auch eine originelle Antwort bekommen. Dabei möchte ich festhalten, dass ich mich auch an den einfachen “Happy Birthdays” sehr erfreut habe. Auf Facebook habe ich nicht nur “geliked” sondern auch einen Kommentar auf den Post geschrieben.

Ganz anstrengend schön

Ich meine, ich habe das, bis auf eine Ausnahme, wo ich einen Tweet an zwei Personen absetzte, eingehalten. Am Morgen im Kaffee, habe ich dafür sicher 1.5 Stunden freudig getippt (natürlich noch mit etwas sonstigem Rumgesurfe). Total habe ich sicher 2-3 Stunden Glückwünsche beantwortet, was an einem Arbeitstag schlicht unmöglich gewesen wäre. Mit der Pinwand ist das auf Facebook ja gut gelöst, aber auf Twitter hat das am Morgen natürlich dazu geführt, dass ich Timelines anderer Leute ordentlich mit “Geburtstagsspam” flutete. Ich nenne das Spam, denn wer will schon mitlesen, was ich jemandem auf einen Glückwunsch antworte, ist schliesslich individuell. Ich kann mir vorstellen, dass mich sogar einige “gemutet” haben an dem Tag. An DEM Tag, meinem Geburtstag, wohlgemerkt!

Twitter: Direct Message oder öffentlich?

Für persönliche Kommunikation gibt es auf Twitter ja Direct Messages. Die muss man dann auch schön individuell abarbeiten, wie SMS (früher, kännsch?), geht aus einem inneren Zwang irgendwie gar nicht anders. Der Nachteil von Direct Messages ist aber, dass das einem Empfänger lästig sein kann (siehe oben, Zwang, innerer) zudem versagt die Multiplikation. Denn manch eine(r) hat nur wegen öffentlicher Tweets überhaupt davon mitbekommen, dass ich Geburtstag hatte und daraufhin gratuliert. Ich vermute, darum bekam ich auch eine SMS – die mich sehr freute – von einem Menschen, von dem ich es nicht erwartet hätte. Schön, nicht?

Was tun? Spammen oder kollektiv danken?

Ich glaube das Dilemma ist inzwischen jedem ersichtlich. Wenn ich ein paar Personen folge und die es mir jeweils gleich tun, dann besteht meine Timeline täglich bald nur noch aus Geburtstagsglückwünschen. Doch da ist ein Mensch, der mir gratuliert, dem will ich auch auf Social Media persönlich dafür danken, das würde ich auf der Strasse schliesslich auch tun. Aber was tun jetzt, was ist meine Empfehlung? Es gibt keine, denn letztlich muss jeder das individuell richtige Verhalten für sich selbst rausfinden.

So geht es mir nicht anders als den Menschen aus “Hitchhikers Guide to the Galaxy”, die mit der Antwort 42 auch nichts anfangen konnten. Denn die Antwort auf mein Experiment lässt mich unschlüssig, was am besten zu tun ist. Sicher werde ich vermehrt Direct Messages schreiben, manchmal einen Facebook-Post “nur” “liken”. Sonst werde ich weiterhin einfach instinktiv handeln und mich in guter alter Hippiemanier darum scheren, geblockt oder entfolgt zu werden und wer weiss, vielleicht war ja einfach die Frage falsch gestellt.

Kürzlich hat David Worni (2666 Follower) unter dem Titel “Wie man zum Internet-Superstar wird“ einen beachtenswerten und ungemein beachteten Blogpost verfasst. Ich (743 Follower) bin weiss Gott [you name it] kein Internet-Superstar und ich will – ganz ehrlich – auch keiner werden. Halt! Mag man darauf einwenden, es gibt auf Twitter keine Menschen ohne Geltungsdrang. Stimmt, auch ich habe gerne, wenn meine Tweets gelesen werden und verstehe nicht, wieso der Tweet, den ich supercalifragilistikexpialidotios-lustig fand, von niemandem mit einem Sternchen versehen wurde, ganz im Gegensatz zu einem lakonisch dahin geschriebenen geistigen Aussetzer. Die Chance auf Sternchen wäre mit optimalem Timing sicher grösser, also habe ich mir schnell die Buffer-App und Social Bro herunter geladen und zu werkeln begonnen, doch plötzlich sagte ich mir, “was tust du hier eigentlich”?

Um was geht es eigentlich

Damit ich hier nicht ein falscher Eindruck erwecke: Ich find den @dworni und sein Blogbeitrag toll. Die Beispiele in meinem Blogpost sind so auch keine über David, denn ich bin froh um all seine Links und Tipps, ganz generell und im Speziellen macht das was er zu mehr Followern sagt, ja sehr viel Sinn.
Damit meine Timeline nun um neun Uhr nicht von einer Lawine gebufferter Tweets erdrückt wird und ich mit der Sondierstange nach solchen stochern muss, auf die jemand antworten kann, möchte ich etwas zum Nachdenken anregen.

Size doesn’t matter

Mir geht die ganze Prahlerei um die Follower- oder Freundes-Zahl recht auf den männlichen Drüsenhalter. Das meine ich wohlgemerkt für persönliche Accounts und nicht für solche, die Sozialen Medien zu Geschäftszwecken nutzen, von denen also abhängt, ob am Freitag Butterbrot oder Rindsbraten auf den Tisch kommt.

Schon seit dem ersten Tag auf Twitter hatte ich Mühe damit, dass mir Leute sagten, dass ich da was falsch mache. So tu ich auch heute immer noch so manchens, was „man“ nicht tun sollte:

  • Ich gebe nicht meinen vollen Namen an und finde mich kein bisschen weniger authentisch dabei. Ich mach das, weil mich nicht jeder auf Anhieb finden soll, aber finden kann und darf (wer es wissen möchte, der gibt im Kommando-Fenster einfach mal “whois slartbart.com” ein, man darf mich an der Adresse auch besuchen kommen oder Kuchen hinschicken).
  • Ich verwende für #slartfuzius und #superslart keine separaten Accounts
  • Ich schreibe nicht nur über Fachthemen, oder nur Lustiges, oder nur Schlaues, oder Halbschlaues. Ich mach ein grosses Twitter-Birchermüesli draus.
  • Ich überreize auch schon mal so manche Timeline, weil mir grad hundert Dinge ein- und auffallen.
  • Ich twittere impulsiv, weil ich so bin (nicht immer, aber manchmal, dafür recht heftig).
  • Ich verwende auch schon mal bescheuerte Hashtags, weil ein Tag ja ein Anhängsel ist und ich meinen Tweets anhängen kann was ich will.

Und was ich auch nicht will (ganz ohne rebellischen Unterton) ist:

  • “taktische” Tweets schreiben
  • Jemandem zu folgen, um ihm eine Direktnachricht zu schreiben und danach wieder zu entfolgen – gewisses Zwitschervögel tun das tatsächlich-, wieso auch immer.
  • auch noch meine Meldungen planen und koordinieren müssen (weil planen und koordinieren tu ich als Marketingleiter den ganzen Tag schon genug)

Genau weil ich so bin, führt das dazu, dass gute Tweets nicht ankommen oder dass ich einen Tweet lösche, bei dem die Idee so schnell in den Fingern war, dass sich das Hirn nicht mehr dazwischen schalten konnte.

Mehr Mut!

In den siebziger Jahren hatten sich die Hippies die Kleider vom Leib gerissen (und noch vieles mehr getan), um sich gegen den Konformismus aufzulehnen. Ich war damals ja noch hinter dem Mond (oder wo auch immer) und kenne das nur vom Hörensagen, fände aber mehr Hippietum täte Twitter gut. Drum rege ich an, es mir gleich zu tun, die Konventionen über Bord zu werfen und einfach drauflos zu twittern. Impulsiv, ohne Rücksicht auf andere Timelines (Gewisse Apps könne zu laut zwitschernde Vögel mal für einen Tag ausblenden). Schreib wann du willst und was du willst, auch wenn der Supertweet dann vielleicht nicht gelesen wird. Schreib auch mal politisch Unkorrektes, auf die Gefahr hin, entfolgt zu werden. Benutze die Energie und die Kreativität für den Content, indem du was Schönes schreibts und nicht für die Optimierung deiner Followerzahl, das kommt dann von selbst und wenn nicht, so what?

Harmony and understanding
Sympathy and trust abounding
No more falsehoods or derisions
Golden living dreams of visions
Mystic crystal revalation
And the mind’s true liberation. [Hair-Aquarius]

Wieso ich jemandem folge

Für mich macht es keinen Unterschied, ob eine(r) 15 oder 1500 Follower hat, ich folge einfach Menschen:

  • die etwas aus ihrem Leben erzählen
  • die witzig sind
  • die Interessantes von sich geben
  • die auch mal widersprechen
  • die gerne in den Dialog treten (aber nicht nur darum twittern)
  • die was tun, statt nur zu bemängeln
  • die Sprache als Sackmesser und nicht als Hammer sehen
  • die man auch in Real Life mal sehen kann
  • die auch auf die Rechtschreibung achten
  • an deren Tweets ich mir erfreuen kann

Das sind übrigens alles Dinge, die auch ein @dworni auf sich vereint und darum folge ich ihm und mir ist dabei völlig egal, wenn ich ganz viele Tweets von im verpasse, es hat genügend gute dabei. Wenn ich keine verpassen möchte,  könnte ich ja auch Listen erstellen und lesen (was ich aber auch nicht tu, du ahnst warum).
Mir folgen ja auch ein paar Menschen (und ein paar Firmen und ein paar Roboter), ganz so schlimm kann mein “Fehlverhalten” ja nicht sein. Vielleicht werde ich auch mal die Buffer-App verwenden, um anderer Timeline zu schonen, aber sicher nicht darum, um zu den besten Tageszeiten zu tweeten. Wegen meinem Twitter-Birchermüesli sieht nämlich auch mein Social-Bro-Graph aus wie ein Frosch, der nicht mehr rechtzeitig über die Strasse kam und ein Auge einfach auf 9 Uhr  liegen blieb.

Frosch, geplatzt

Das Fazit de Fazits, zusammengefasst von Ben Stiller:

Etwas über sich selbst erfahren

Ich habe keine Antworten auf grosse Fragen oder gar tiefgreifende Offenbarungen erwartet. Das hätte meine Auszeit nur belastet und mal ehrlich, gibt es diese überhaupt? Ich bin auch kein anderer Mensch geworden – das kann man gar nicht, wie ich meine – aber ich gehe gewisse Dinge in meinem Leben wohl bewusster und gelassener an. Ich habe in der Auszeit viel über mich selbst erfahren und einiges davon wohl noch gar nicht erkannt, es wird sich mir schon zur rechten Zeit erschliessen. Was ich jedoch sagen kann: Die Auszeit hat eine Ansicht von mir noch weiter erhärtet:

Zu wissen, was man nicht möchte, ist der beste Schlüssel um herauszubekommen, was man möchte. 

Ganz nach einem meiner Lieblingszitate:

Ob es besser wird, wenn es anders wird, weiss ich nicht. Dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll, ist jedoch gewiss. [Christian Lichtenberg]

Zurück ins Arbeitsleben

Im Dezember geht es für mich wieder los mit dem Arbeitsleben. Die Freude und die Spannung für meine neue Herausforderung ist – zugegeben – auch begleitet durch etwas Wehmut, die Auszeit abzuschliessen. Es hat mir schon gefallen, das Leben als ”Rentner” und es war sicher etwas vom Besten in meinem Leben. Den Entscheid zur Auszeit, habe ich nicht eine Sekunde hinterfragt oder gar bereut (sic!). Ich werde viel aus der Auszeit zu erhalten versuchen, zu vieles und teilweise zu Privates um es hier abschliessend aufzuzählen, bestimmt aber:

  • Die Teflon-Beschichtung gegen Überzeit-, Mann-bin-ich-wichtig und Rund-um-die-Uhr-Prahlerei
  • Die Batterien für mein Nachsichtgerät
  • Meine innere Ruhe und das Lächeln

Do it! Aber das Programm nicht überladen

So bin ich am Ende meiner Auszeit und der “Rentnerblog”-Serie wieder bei der zentralen Frage: Warum nicht? Ich selbst werde mir die Frage in meinem Leben sicher wieder stellen, denn warum soll ich später nicht wieder mal eine Auszeit nehmen?

Ein letzter Rat: 

Falls du dich für den Sprung entscheidest, sichere dich gut ab, geh auf Reisen, mach was du schon immer mal tun wolltest, geh auf deine Mitmenschen zu, schaff Platz für Unkonventionelles und Spontanes. Aber überlade deine Auszeit nicht, geniesse sie einfach, oder wie es Erich Kästner in seinem Spruch in der Silvesternacht schon festhielt:

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

Man wird vergesslich als “Rentner”. Es ist mir mehr als einmal passiert, dass ich die Wochentage verwechselte und Wochenenden werden quasi bedeutungslos. Das hat nicht etwa mit Demenz zu tun – hoffe ich zumindest – sondern mit dem Umstand, dass Wochentage und zeitliche Einteilungen schlicht an Bedeutung verlieren.

Alter Mann in Bar

Was da sonst noch war:

Ersatzinvestitionen schiebt man gnadenlos auf, die Regenjacke muss halt nochmals ein Jahr hinhalten, neue Mass-Bettwäsche (bringt meine Körpergrösse halt mit sich) muss warten, Töff-Jahresservice? Mach ich nächstes Frühjahr, statt diesen Herbst. Eigentlich recht bescheuert, weil nur aufgeschoben, aber auch eine gute Sache, wenn man sieht, was sonst einfach selbstverständlich war.

Man wird ja mit Wettbewerben überhäuft, egal ob in Auszeit oder nicht. Schon erstaunlich, wie man diese sonst einfach ungesehen in den Papierkorb (elektronischer oder physischer) wirft. Habe in der Auszeit doch an dem einen oder anderen teilgenommen. Zwar nicht viel gewonnen, aber immerhin die Spannung war da.

Schulungen habe ich zwar trotz der Möglichkeit wenige besucht, irgendwie keine Lust dazu, wobei, halt, das Sportfischer-Brevet habe ich endlich nachgeholt.

Spontiaktionen machen enormen Spass, denn auch hier gilt: Die Frage ist, warum nicht? So folgte ich Rahels Aufruf zum Guetzlen (hatte ich wohl schon so 15 Jahre nicht mehr gemacht), dem Wanderruf von Ray, liess mich von pokert.fm interviewen und kochte gleich mit oder einfach so oder ging zum BlutUp, dem kollektiven Blutspenden der Twittergemeinde.

Eigentlich hätte ich erwartet, dass mein TV-Konsum durch die Auszeit steigt, doch das Gegenteil war der Fall. Es scheint wohl doch der Fall zu sein, dass ich dann ihn die Röhre gucke, wenn ich ausgepowert bin oder einfach “runterfahren” muss.

Resozialisierung

Wie in Teil 1 dieser Serie geschrieben, springe ich am 1. Dezember wieder ins Arbeitsleben, das wird natürlich wieder eine starke Lebensumstellung werden. Dabei käme es mir nicht im Traum in den Sinn, mir jetzt schon einen Tagesrhythmus aufzuerlegen. Wieso auch, das geschieht ja dann von alleine und ich möchte meine Auszeit ja bis zum Schluss auskosten. Ich glaube auch nicht, dass ich sonst irgendwelche Anstrengungen unternehmen muss, um mich wieder in einer Arbeitsleben einzugliedern, im Gegenteil, die Herausforderung wird sein, genug aus der Auszeit mitzunehmen. Was das für mich ist, liest du im letzten Teil dieser Serie.

Rentnerleben – 8 – Fazit

 

Neben all den gewollten Aktivitäten entdeckt man währen der Auszeit neue und bewährte Handlungsmuster:

  • solche, die sich durch das Mehr an Zeit ergeben
  • solche, die durch Spass oder Nutzen getrieben sind
  • solche, die offenbar irgendwo in mir schon konditioniert waren

Sich hinsetzen und Zeitung lesen

Ergibt sich einfach so

  • Man ertappt sich tatsächlich dabei, dass man am Samstag im Laden steht, oder abends um 18Uhr.
  • Man lässt anderen Menschen den Vortritt, mit den Worten “ich habe Zeit”
  • Man geht um 11h ins Café um Zeitung zu lesen
  • Man liest generell mehr Zeitung aber immer noch zu wenig
  • Man kann sich einen 9-Uhr-Pass kaufen
  • Mehr Vereinsaktivitäten
  • Man gibt alten Resten eine Chance ;-)

Ergibt sich durch Spass oder Nutzen

Das Einkaufsverhalten verändert sich. Man kauft auf einmal Familienpackungen (z.B. Orangesaft), Aktionen (zwei für eins) und probiert das Stück Käse, das Praliné, das sie einem zur Verkaufsförderung vor die Nase halten.

Man nimmt sich Zeit sein Recht einzufordern

Man kennt das ja, irgend wer macht einem das Leben schwer und man mag am Abend nach einem Arbeitstag nicht auch noch um sein Recht kämpfen und sowieso, der Kundendienst hat ja bereits geschlossen und auf Webformulare bekommt man auch keine Antwort. Kaum hat man Zeit, sieht das aber anders aus. In meinem Fall musste ich mit einem Autovermieter kämpfen, der mir einfach so den Parkschaden abbuchte, obschon der Verursacher bekannt und Zeugen genannt waren (zugegeben ein vertrackter Fall mit vielen Parteien, buchfüllend). Ich habe bestimmt gegen drei Tage aufgewendet um das Geld (immerhin 1200 Mücken) wieder zu bekommen.
Das ist nur ein Beispiel aus vielen; so hatte ich beispielsweise auch erfolgreich gegen eine Versicherungseinschränkung opponiert und bei Amazon angefragt, ob mir ein irrtümlich heruntergeladenes E-Book rückerstattet wird (merci Amazon, find ich nicht selbstverständlich, war mein Fehler).

Weil man es hat

Man hat Zeit Preisvergleiche zu erstellen, genauer zu lesen auf was man sich einlässt, oder einfach mit den verwirrten Menschen  eine halbe Stunde zu tratschen (ja, genau, die, welche einem schräg anquatschen, wenn man gerade der gemeinen Alltagshetze nacheilt und die man darum im Normalfall verbal abwatscht). Dabei ist es – manchmal – erstaunlich, was man so über ein anderes Leben erfährt, das so gar nicht das eigene ist.

Konditionierung

Brandbeschleuniger

Da man auch mehr auf Websites surft, an Läden vorbei geht und einfach mehr von der wirtschaftlichen Umwelt mitbekommt, würden sich einhergehend auch die Impulskäufe vermehren. Das wäre ja förmlich Brandbeschleuniger für die auferlegte Burn-Rate. Zumindest zu Beginn der Auszeit musste ich diesen Reflex bewusst unterdrücken.

“Sag du”

Bei Terminvereinbarungen gibt es ja das schöne hin und her, wer jetzt mit Termin und Ort rausrückt. Das Terminliche entfällt in der Auszeit fast komplett, dabei fiel mir auf, welchen Widerstand ich zu Beginn spürte, als ich jeweils sagte “Sag du, ich habe Zeit”. Kam mir erst fast unhöflich vor, bis ich merkte, dass das früher wohl immer wie selbstverständlich an mir hängen blieb, das werde ich wohl auch aus der Auszeit mitnehmen.

Rubel, rollt

Ausser bei lausiger Leistung gebe ich gerne und oft Trinkgeld; ich erachte das auch als kleinen Sozialtransfer gegen die meist tiefen Servicelöhne (ok, in Zürich ist dann auch der Service vielfach dementsprechend). Obwohl dieser Sozialtransfer bei null Einkommen eigentlich keinen Sinn macht, habe ich trotzdem daran festgehalten, eine Konditionierung die offenbar nicht so schnell zu überwinden ist.

Was ich trotzdem nicht gemacht habe

  • Stundenlang vor Baustellen gestanden und gefachsimpelt
  • Alle Tomaten prüfend gedrückt, bevor ich meine Auswahl in den Sack steckte
  • Sinnlos gewettert
  • Mit dem Spazierstock auf jemanden gezeigt
  • Mich auf Hochzeiten oder sonstigen Partys eingeschlichen
  • Im ÖV die jüngeren Menschen zum Aufstehen aufgefordert
  • Meinen Müll in öffentlichen Kübeln entsorgt
  • Das Gipfeli in den Kaffee getunkt
  • u.v.m.
Manchmal hatte ich auch etwas das Gefühl, vergesslicher geworden zu sein, darum gibt’s vor dem Fazit auch noch ein Beitrag zu all dem was ich bisher zu erwähnen vergass.

Rentnerleben  - 7 – Was da sonst noch war und Resozialisierung

Ein Beitrag zum Thema Soziales? Man würde eigentlich meinen, es macht keinen Unterschied, ob man arbeitet oder nicht, doch weit gefehlt. Es hat mich doch schon recht erstaunt, was für Änderungen mein Sozialleben erfuhr.

Kaefele

Auszeit

Ich hatte für meinen Entscheid zur Auszeit von niemandem Rat eingeholt und auch mit  niemandem besprochen, einfach ausgelöst und war gespannt auf die Reaktionen. Die fielen dann auch recht unterschiedlich aus, aber auf Unverständnis traf ich nie (oder es traute sich niemand diese zu äussern, ich kann ja eine furchteinflössende Argumentiermaschine sein).

Die Reaktionen teilte sich dabei in drei Gruppen:

  1. Könnte ich nie
  2. Wollte ich auch schon lange tun
  3. Habe ich auch schon gemacht

Der Gruppe 2) umfasste etwa die Hälfte der Antworten, für die – und auch für Gruppe 1) – lege ich gerne Teil 1 meiner Serie nochmals ans Herzen.

Events

Wenn man sich für Anlässe im Geschäftsrahmen anmeldet, muss man fast jedes Mal eine Firma und einen Funktion angeben. Ich gab dann jeweils so Sachen an, wie Auszeit/CEO/Free Agent/Retirement Apprentice. Dazu nur soviel: Kam nicht immer so witzig an, wie ich es empfand und es war manchmal auch schwieriger an ein Ticket zu kommen. Das Lustigste erlebte ich aber auf XING, auch dort muss man ja Firma/Funktion angeben, damit es nicht die Daten der letzten Anstellung anzeigt. So hat mich dann tatsächlich ein Headhunter kontaktiert, der offenbar nur das CEO und nicht das Auszeit las. Der wollte mir dann seine Dienste anbieten, als Arbeitgeber nota bene. Auch diese Antwort fiel für mich recht lustig aus.

Nachsichtgerät anwerfen

Eine Auszeit bietet auch die Chance, etwas toleranter zu Mitmenschen zu sein und mehr Gelassenheit an den Tag zu legen. Das sollte sich bei mir auch mit weniger #fail-Tweets bemerkbar machen. Ich habe mir dazu das Nachsichtgerät als Hilfsmittel geschaffen. Das gibt es natürlich nicht, sondern man tritt geistig einfach einen Schritt zurück, atmet  durch und lässt die erste Emotionsflut am Wellenbrecher zerschellen. Ein Stück Schokolade kann da schon als gute Batterie für das Nachsichtgerät dienen.

Zeit haben

Achtung: Freunde und Familie meinen augenblicklich, dass man, nur weil man nicht arbeitet, jederzeit zur Verfügung steht. Dem ist natürlich nicht so, im Gegenteil; meine Abendtermine waren vielfach über Wochen fast komplett ausgebucht. Denn man nutzt die Gelegenheit, um Freunde wieder zu treffen und auch die Familie wieder öfter zu besuchen. Dazu muss man natürlich den ersten Schritt tun, um die Maschinerie in Gang zu setzten, aber Vorsicht, das Ganze bekommt dann etwas eine Eigendynamik und wenn die Auszeit zu Ende geht, droht die Gefahr von vielen offenen Versprechen. Die habe ich mit einer Einladung zu einer grossen Party einzulösen versucht (catch all).

Ganz anders sieht die Sache am Tag aus, wenn alle am Arbeiten sind. Da kann man mit Seinesgleichen Kaffee trinken gehen, oder einfach in ein Café sitzen und den Leuten (Studis, richtigen Rentnern, Päuselern, Café-Mitarbeitern, etc. ) zusehen und/oder mit ihnen ins Gespräch kommen. Mehr noch, man kann sich halbstundenlang mit Leuten von der GSoA unterhalten, häsch-mer-en-Stutz?-Menschen entgegnen, man verdiene auch kein Geld (funktioniert übrigens) oder sehr viel twittern (was auch dazu führen kann, dass man Timelines spamt und entfolgt wird).  Und mit der vielen Zeit kann man sich auch ein wenig als Rentner aufführen. Mehr dazu im nächsten Teil

Rentnerleben – 6 – Rentner spielen

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Darum macht man ja die Auszeit, um genau das zu tun, was man immer schon tun wollte. Vorweg: Ich hatte während meiner Auszeit nie das Gefühl von zu viel freier Zeit. Ich musste nicht nach etwas suchen, das Zeiträume auffülte, die füllten sich wie von selbst, es wurde mir nie langweilig.

Lago Bianco, Tessin

Hobbys intensivieren

Eigentlich klar, aber wohl nicht selbstverständlich: Die Auszeit gab mir viel Freiraum meinen Hobbys nachzugehen. Golf (dass man besser spielt, wenn man mehr spielt ist eine Mär, nur so), angeln (siehe Golf), den Bücherturm lesend einreissen, kochen, Konzerte besuchen (noch in keinem halben Jahr derart viele besucht) und viel Musik im iTunes-Store kaufen. Oder man kann sich, ganz ohne schlechtes Gewissen, in zwei Tagen die gesamte Staffel einer TV-Soap anglotzen. Dafür braucht es kein Zutun, das geschieht alles wie von selbst.

Rucksack ausräumen

Für mich war wichtig, alte Zöpfe abzuschneiden und Unerledigtes aus dem Rucksack zu räumen. Ja, genau die Sachen, die einem in den Sinn kommen, wenn man Sonntags auf dem Sofa liegt und dabei das schlechte Gewissen an einem nagt. Mein grösstes Rucksack-Projekt lag mir besonders am Herzen: Mein Buch fertig zu schreiben. Das habe ich nicht ganz geschafft, zumindest werde ich es nicht bis zum Ende der Auszeit fertigstellen können. Daran lag zum einen am wunderschönen Wetter in diesem Jahr, das mich wenig motivierte, hinter einem Rechner zu sitzen, zum andern aber auch der Umstand, dass ich den Aufwand dafür geringer eingeschätzt hatte. Doch erst die Auszeit ermöglichte mir zu erkennen, dass das Projekt neben dem Job nie funktioniert hätte.

Neues ausprobieren

Die Auszeit bietet auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, beispielsweise im Alltag eingeschliffenen Muster wie Morgenrituale zu verändern oder Einblick in andere Arbeitsgebiete zu erhaschen. So habe ich z.B. ein paar Tage im Rebberg eines tollen Winzers ausgeholfen (hoffentlich mehr geholfen, als ich kaputt gemacht habe) oder ich werde an der grössten Gastromesse der Schweiz, der igeho, am Stand einer Brauerei aushelfen.

Es lebe die Spontanität

Es war erstaunlich festzustellen, wie viel Spontanität ich durch den geschäftigen Tagesrhythmus verloren hatte. Spontan auf einen Kaffee mit einem Freund, in die Lücke springen, wenn ein Verein zu wenig Helfer für einen Anlass hat oder schnell ein Fest organisieren. Eine Freundin meldet sich für einen Kaffe, kein Problem, das Fest geht etwas länger, kein Problem, bis zum Schluss bleiben und noch beim Aufräumen helfen. Die sonst so vielen Nein des Alltages wandeln sich wie von selbst in ein Ja und dabei bleibt ein erfrischendes Gefühl zurück. Theoretisch hätte man ja immer Zeit, das wissen auch alle Freunde und Bekannte und das kann auch zu Spannungen führen. Mehr dazu in der nächsten Folge:

Rentnerleben – 5- Soziales

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