The Voice of Switzerland – Die Schweiz sucht ihre Stimme

by flyzipper / Steve Mishos (by creative commons)

Es wurde schon viel geschrieben, gesagt und geklagt über „The Voice of Switzerland“ von SRF. Auch mich, als Musikliebhaber fast aller Stilrichtungen, hat „The Voice of Switzerland“ hinter dem Ofen vor den TV, oder genauer vor den Compi geholt, denn die Umsetzung der Nachspielmöglichkeit auch  SRF und Youtube sind vorbildlich, grosses Kino. So ist die Show für mich, nach „Der Bestatter“, der zweite Volltreffer von SRF.

Zu den Coaches

Ein gelungener Mix aus verschiedenen Stilrichtungen und für verschiedene Altersgruppen. Mich schaudert vor der Vorstellung einen Chris von Rohr oder ein Göle bei den Coaches zu haben. Philipp Fankhauser find ich eine Bereicherung, weil er so schön unaufgeregt ist. Marc Sway spricht, als wäre seine Zunge betäubt, aber man muss in einfach gerne haben. Stress ist wie immer etwas mehr als er ist, aber „très sympha“ und klabautert nicht lange über einen Entscheid nach, ist direkt, das mag ich. Zudem: Wenn sein PR-Manager dem Blick die Story über sein Modelabel gesteckt hat, war das ganz grosse Schule. Ein Schelm ver Böses denkt. Stefanie Heinzmann ist mir zu „alles isch güet, hüere güet“ aber sie hat eine Hammertruppe zusammengestellt und die Sängerinnen und Sänger am weitesten gebracht, Chapeau!

Zu den Stimmen

Die Stimmen überwältigen und wenn ich mich so umhöre, erstaunt nicht nur mich, was für Stimmen wir in der Schweiz haben. „In der Schweiz?“ mag einer fragen. Da ist der „Singing Postman“ dessen Wurzeln ganz sicher nicht in Trubschachen liegen, ein Portugiese, der strahlend verkündet, dass er gar nicht versteht, was er Schweizerdeutsches singt, aber es so intoniert, als ob er den Song erfunden hätte, eine Argentinierin mit ihrem unschweizerischen Selbstbewusstsein und positiven Auftreten, eine Israelin, die zeigt, dass Florece Welchs Art zu singen doch nicht soo einzigartig ist. Sie sind hier wegen der Liebe, wegen einer neuen Chance, wegen unserem Land und ihre Internationalität fügt sich nahtlos zusammen mit unserem Eigengewächs: Der Power aus Basel, einer Bernerin die innert kurzer Zeit unglaubliche Fortschritte macht, eine Tessiner Stimme, die zwar nicht grandios ist, einem aber durch die Freude vollends einnimmt und dann noch zwei Stimmen aus der Romandie, die eine ganz gross, die andere engelhaft.

Wegen dieser Zusammensetzung wird in der Sendung Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Englisch gesprochen. Neben dem, dass – wie man sagt – Musik eine eigene Sprache ist, setzt das für mich noch einen obendrauf, denn „this is The Voice of Switzerland!“

PS: Und ein grosses Kompliment der Band, die das alles begleitet und dem Tonmeister, der das perfekt umsetzt. Da sind wahre Profis am Werk

Zum Glück!

Tafel Schokolade

Glückskonserve

Als ich noch unterrichte und meine Schüler in die Prüfung verabschiedete, sagte ich zu ihnen:

Ich wünsche euch kein Glück, denn das brauchen nur diejenigen, die zu wenig vorbereitet sind. Ich wünsche euch Inspiration und gute Gesundheit.

Nachdem ich das sagte, wurden die Gesichter jeweils schlagartig lang und bei den einen stellte sich schneller Entspannung ein als bei den anderen. Wir betrachten im Leben das Glück etwas unvollständig, nämlich nur, wenn es uns zufällt oder wir es uns erhoffen und es uns dann nicht zufällt. Was wir nicht wissen ist, wie viele Male wir zum Beispiel Glück hatten und es gar nicht merkten, beispielsweise, dass wir nicht verunglückt sind, weil wir später als geplant zuhause abfuhren.

Das Glück der anderen

Ein Prüfungserfolg lässt sich weitgehend planen, das Glück aber nicht. Die Gesellschaft, die Zeitungen (wenn sie über Familie, Kindesglück, Partnerschaft, etc. schreiben) und Facebook-Timelines gaukelt uns vor, dass alles rosarot ist. Studien sagen dazu, dass uns das nicht nur nicht glücklich, sondern gar unglücklich macht. Aus diesem Unglück versuchen einige Menschen, wie mir scheint, durch krampfhaftes Nachahmen von Rahmenbedingungen, die andere im Glück zeigen, das eigene Glück zu erfahren. Berücksichtigt man, dass wir vor allem als Kind sehr viel durch Nachahmen lernen, erstaunt dieses Verhalten nicht.

Ein Beispiel:
Dadurch, dass Medien kaum unglückliche Familien zeigen und nur die wenigsten Bilder von sich auf Facebook stellen, auf denen sie erschöpft und zornig zu sehen sind, weil der Nachwuchs wieder mal simultan alle Knöpfe der Nervenorgel gedrückt hatte, zieht manch einer wohl den Rückschluss, dass Familie und Kinder der Schlüssel zu Glück sein müssen. Dabei ist das etwa so logisch, wie Selbstbräuner aufzutragen, damit die Sonne scheint. Natürlich ist das nur ein Beispiel, es gibt unzählige mehr: Der Töffkauf, die Ferien, die Beziehung, was auch immer Menschen glücklich zeigt, regt zum Nachahmen an (und die Werbung trägt das seine dazu bei).

„Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.“ Willhelm Busch

Dabei ist das Glück, wie das Willhelm Busch schon erkannte, in den kleinen Dingen doch am einfachsten zu finden: In einem flüchtigen Lächeln, einem Musikstück, das unter die Haut geht, einem Text, der fliegen lässt, einem feinen Sugo, einem Kompliment, das man jemandem gibt oder einfach darin, dass man nicht nach dem Glück sucht, sondern sich einfach dem erfreut, was man hat. Denn Glück und Zufall sind etwa gleich schwer zum finden. Zum Glück!

Zu guter Letzt – Von Trollen und Besserung

smileyGanz nach Kästners „Spruch in die Silvesternacht“ mache ich mir schon lange keine Vorsätze mehr ins neue Jahr. Je nach dem stelle ich das neue Jahr für mich jedoch unter ein Motto.

„Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos“ E. Kästner

Für 2012 hatte ich mir das Motto „Lächeln“ gegeben. Einfach so, um eine Situation zu entspannen. Einfach so, um mich selbst aufzumuntern, wenn es mir mir mal nicht so dolle geht. Ganz ehrlich: Ich glaube, ich habe das für 2012 nicht ganz so gut hinbekommen, wie ich wollte. Auch wenn ich viel gelächelt habe, hätte es noch besser machen können. Man kann gar nicht genug lächeln, denn die Wirkung ist erstaunlich. So manch überraschtes Gesicht auf der Strasse warf mir einen erstaunten Blick zurück, manch schlecht gestarteter Tag konnte ich mit einem kleinen Lächeln zum Besseren wenden.

Viel Rumgehacke auf Dialogmedien

Umso mehr erstaunt mich, wie fest das Negative auf den Dialogmedien Oberhand hat. Da gibt’s zwar Lächeln für viel Lustiges aus dem Alltag und auch ein grosses Gschnorr (oft hinter vorgehaltener Hand). Das ist wohl einfach so, wenn eine Gruppe von Menschen beisammen ist und ich bin keine Ausnahme. Was mich aber zusehends verärgert ist, dass man kaum Kritik an sich selbst liest und dafür umso mehr Kritik und Häme gegenüber anderen. #fail-Tweets sind häufig und wenn jemand auf einen anderen einprügelt, geht es nicht lange, bis andere noch einen obendrauf geben. Social Troll Media, Judihui!

  • Immer schön Schwarz/Weiss
  • Böse Absicht vermuten
  • wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich
  • Die haben ja keine Ahnung
  • Ich!
  • Fehler sind erlaubt, ausser ich finde sie nicht gut

Nehmen wir als Beispiel vom Rebranding das SRF. Ich habe kaum Positives darüber gelesen. Ich persönlich finde den Schritt zu einer Dachmarke richtig. Ich hätte mir die Umsetzung auch etwas konsequenter gewünscht, aber ich weiss, wie schwierig ein solcher Schritt ist. In einem Konzern wie dem SRF gibt es viele Anspruchgruppen, viele unterschiedlichen Interessen,  so viel Geschichte, die in den alten Marken stecken und wohl auch viel Politik. Es war nun mal keine grüne Wiese, die es zu bestellen gab. Wieso freute sich niemand, dass die als verstaubt geltenden „Öffentlich Rechtlichen“ einen Schritt nach vorne wagten und damit schafften, was in vielen privat geführten Konzernen solcher Grösse nicht mehr gelingt? Wieso hat keiner die Rechnung aufgestellt, dass der vormalige Markenwirrwarr wohl unter dem Strich viel teurer war? Nein es war halt einfach, in den allgemeinen Tenor einzustimmen und noch einen obendrauf zu geben. Schliesslich ist jeder Marketingexperte (dabei bin ich der einzige 😉 ) und es macht halt Spass, die Sau muss durchs Dorf zu treiben.

Bitte recht freundlich – mein Wunsch für 2013

Nein, ich will keine Harmonie wie in einem Hobbit-Dorf. Mir ist die Faust lieber auf dem Tisch, als im Sack. Man soll die andere Meinung ausdrücken und Konflikte offen ausgetragen. Aber  ich wünsche mir für 2013 – neben Gesundheit (und Schokoladekuchen) – mehr Positives auf den Dialogmedien zu lesen: mehr Freude, mehr Selbstkritik, mehr Selbstironie, mehr Lob, mehr Überlegtes, Abgewägtes und mehr Taten, die zu einer Verbesserung führen, als aus der virtuellen Ecke ein Bier aufs Spielfeld zu werfen. Es wird mir selbst auch nicht immer gelingen, aber wenn nur schon jede Kritik auch mal mit einem Lob kompensiert wird, dann ist schon ein grosser Schritt getan.

In dem Sinne wünsche ich allen einen guten Rutsch in ein umwerfendes 2013. Schön locker blieben und wenn das nicht gelingt, einfach mal lächeln und einen schönen, gutgemeinten Kommentar schreiben.

Die Social-Media-Subkultur und ihre Beachtung

FotoDie bekannte Agentur Jung von Matt/Limmat hatte  (Anm: Nicht ganz korrekt -> siehe Nachtrag ganz unten im Blog) auch über persoenlich.com  Kund getan, dass sie auf http://twitter.com/Festzeitschrift für den Art Directors Club eine Festschrift lancieren möchten, welche die Twitter-Gemeinde Satz für Satz schreiben soll. Das ist grundsätzlich eine originelle Idee, hat aber den Makel, dass die Idee nicht mehr ganz so frisch ist, denn Mona Hinnen hatte das über monah.ch bereits zwei Mal erfolgreich, nämlich als #twory umgesetzt.  Das hat dann auch auf den Dialogmedien einen negativen Begeisterungssturm (Anmerkung: Ich verzichte explizit auf das Wort des Jahres) ausgelöst. Es wurde von Kopieren und Ideenklau berichtet.  Jung von Matt/Limmat beteuert derweil, nichts davon gewusst  und auch Recherche betrieben zu haben. Das glaube ich ihnen auch, denn man kann nicht alles finden und die Idee ist nicht so abwägig, dass man sie nicht mehrmals haben kann. Kein Beinbruch also, aber die ganze Geschichte gab mir schon etwas zu denken (so viel, dass ich meine Mittagspause für diesen Beitrag opfere).

Warum wurde Jung von Matt/Limmat nicht auf die #twory aufmerksam?

„Ich weiss, dass ich nichts weiss“ Sokrates

Man kann nicht alles wissen, das ist mir schon klar und als ich mir so die Liste von Twitter-Profilen ansah, denen die @JvM_Limmat folgt, stellte ich fest, dass sie vielen andere Agenturen (auch auf Dialogmedien spezialisierte) und Fachmedien folgen, wie auch auch einigen Privaten, die im Dialogmedien-Kuchen als „Rosinen“ bezeichnet werden dürfen. @JvM_Limmat hätte also auf die #twory aufmerksam werden können.  Dass auch das in der Flut von Meldungen untergehen kann, auch das ist nachvollziehbar.  Anders herum kann man sich auch fragen: Warum ist es der #twory nicht gelungen, genügend Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? @monah hat sich die Frage auch gestellt und überlegt sich, künftig Medienmitteilungen zu schreiben. Ob das persoenlich.com auch verbreiten wird, zweifle ich etwas an.

Das Insiderproblem der Dialogmedien-Subkultur

Das Problem der Geschichte orte ich an einem ganz anderen Punkt: Ich habe schon viele tolle Anlässe besuchen dürfen (e.g. Twitterbier Zürisee, Twittboat, erugf und viele mehr) oder auch ausgelassen (z.B. den Avatarday) aber ich haben noch selten jemand von einer der angestammten Agenturen dort getroffen.
Sprich, es gibt wohl ein Graben zwischen dieser „Subkultur“ – die ja eigentlich keine ist, passiert ja alles öffentlich – und den angestammten Agenturen. Der Dialog wird also nicht gesucht, nur das Instrument. Um diesen Graben zuzuschütten, müsste man an der richtigen Zeit, die meist nicht während der Arbeitszeit ist, vor Ort sein. Und ja, Dialogmedien funktionieren nicht nur auf dem elektronischen Kanal.
Vielleicht können die spezialisierten Agenturen diese Brücke ja schlagen, denn diese haben den Kontakt zur „Basis“, nehmen oft lieber an einem Social Media- als an einem Branchen-Anlass teil. Zum letzteren wären sie vielleicht auch gar nicht eingeladen.  Sie haben das dafür nötige Wissen, das sich die angestammten Agenturen zurzeit krampfhaft anzueignen versuchen (oder auch nicht). So würde eine spezialisierte Agentur auf ihrer Webssite wohl auch keine Rubrik „Social Media News“ anbringen , deren letzter Beitrag über zwei Monate alt ist. Natürlich ist es auch kein Garant, dass es besser wird, aber ein Anfang, den Graben zuzuschütten. Ich meine, wir würden alle davon profitieren.

  • Die angestammte Agentur, dass sie sich das Wissen „insourcen“ kann, wenn sie bereit ist, was abzugeben (oder sonst müssen sie halt selbst an der Subkultur teilnehmen)
  • Die spezialisierte Agentur, dass sie in der Branche beachteter wird.
  • Die Subkultur, dass ihre Ideen besser bekannt werden, ohne dass sie gleich instrumentalisert werden.

PS: Und haut nicht immer gleich drauf, entspannt euch. Nicht jeder macht alles mit böser Absicht.

PPS: Bin gespannt ob Jung von Matt/Limmat bei monah.ch was sponsort

Nachtrag:

  • Mir wurde per DM mitgeteilt , dass Jung von Matt/Limmat eigentlich nichts damit zu tun hat. Demzufolge wäre meine Schlussfolgerung aufgrund des Persönlich-Artikels, dass sie dies Kund taten, nicht richtig.  Aktuell gibt es aber keine öffentliche Info dazu (oder ich habe auch diese nicht gefunden). 
  • Wie mir @dworni mitteilte hatte „Herr @KevinDax hatte die Tweetstory-Idee schon 2009“ 

Von Tätern und Opfern – Das Problem der Öffentlichkeit

Diese Woche hat mich das Schicksal von Amanda Todd aufgeschreckt. Die junge Frau hat kurz vor ihrem Selbstmord durch einen Beitrag auf Youtube darauf aufmerksam gemacht, wie ihr Leben von einzelnen Menschen zur Hölle gemacht wurde. Dass sie im Video Dylans „Subterranean Homesick Blues“ als Erzählstil wählte, war wohl kein Zufall. Kurz darauf  las ich den Artikel „Wie ein Online-Stalker vorgeht„. Meine Twitter-Beiträge dazu brachten in der Diskussion vier Punkte auf, die mich weiter zum Nachdenken anregten:

  1. FSK für Dialogmedien (aka Social Media)
  2. Das gab es früher schon. Falsch, die Dialogmedien hier zu verteufeln
  3. In der Diskussion wird die Verantwortung nur auf das Opfer abgeschoben
  4. Wir brauchen keine Regeln, sondern Werte (erst vielleicht ein paar Regeln, weil die Wertevermittlung langsam ist)

Wann ist man ein Opfer, wann ein Täter?

Die Frage mag auf den ersten Blick einfach erscheinen, aber kaum nagt man etwas an den Begriffen, wird’s knifflig. Ich meine, ein Opfer ist dann ein Opfer, wenn es sich als solches fühlt, ganz egal wer was tut.
Doch wie ist das, wenn die Freunde einen Menschen als Opfer sehen, die Person sich selbst aber nicht so fühlt? Noch komplizierter wird es dann, wenn sich das Opfer während der „Tat“ – und auch entgegen all den Betörungen seiner Freunde – nicht als Opfer fühlt, sondern erst im Nachhinein. Und wie ist es mit den Tätern? Sind sie Täter, wenn das Opfer sich nicht so fühlt und nur die Freunde das sehen? Ich frage mich auch, wie viele Täter sich denn als Täter fühlen? Ich meine bewusst, mit Vorsatz.

Selbst im klaren Fall von Vorsatz – der Täter sucht sich ein Opfer aus und fügt im Schaden zu – stellt sich die Frage nach dem Schaden. Wenn jemand einer anderen Person das Pausenbrot stiehlt, ist der Fall klar, aber wie ist es, wenn jemandes Status und Ansehen in einer Gruppe oder Gesellschaft verunglimpft wird? Wir haben keinen Massstab für solche Vergehen.

Alle die meinen, die Frage sei etwas überkompliziert ausgekostet und das könne ihnen nicht passieren, sollen sich mal Folgendes überlegen:

  • Vater postet heute ein Bild seines Sohnemanns auf Dialogmedien (z.B. Instagram, Twitter), bei dem man lustig sehen kann, wie er an seinem Pimmelchen rumzupft, während er ein Eis isst.
  • In zehn Jahren gräbt ein Schulkollege des jetzt 13-Jährigen Sohnemanns das Bild aus und beginnt, ihn damit zur Schnecke zu machen.

Wer ist Täter, wer ist Opfer, was ist der Schaden?

Das Problem der Öffentlichkeit

Wir sind uns nicht gewohnt in der Öffentlichkeit zu stehen und viele die in der Öffentlichkeit stehen, würde das wohl lieber nicht (mehr). Dennoch streben wir unsere 15Minuten Ruhm an wie Getriebene (ich ja auch, sonst würde ich das alles für mich behalten und keinen Blogbeitrag schreiben). Nein, die Öffentlichkeit ist kein böses Monster, aber ein Ungetüm, das schnell Emotionen freisetzen kann und bei dem schneller gerichtet als gedacht, schneller kommentiert als nachgeforscht wird. Denn was wissen wir schon, was zwischen dem Herrn Kachelmann und seiner Freundin vorgefallen ist und überhaupt: Was geht es uns an? Letztlich sind wohl beide Täter und Opfer und sie beide haben den Schaden.

Wie urteilt denn die Öffentlichkeit? Das Aussergewöhnliche hat keinen Platz, kein Verständnis. So ecken spezielle Menschen noch mehr an und werden schnell schubladisiert. Wehe, wer gegen die allgemeine (Schein-)Moral verstösst. Die einzige Chance für Aussenseiter sind die des „kleinen Mannes“ oder grobe Ungerechtigkeiten. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie der Mob im Falle von Amanda Todd auf das „Flashing“ und den U16-Sex reagiert hätte (oder hat).

Auf das Urteil des Mobs folgt die Machtlosigkeit. Denn ist die Information mal öffentlich, ist sie für einen Privaten kaum mehr zu kontrollieren. Wir haben keine PR-Berater, die uns sagen, was wir tun sollen und noch wichtiger, wann wir nichts mehr tun sollen. Es lohnt sich darum, sich immer wieder zu hinterfragen, was man öffentlich macht. Selbst ich, weit weg von pubertären Hormonschüben und sozialem Elend, ertappe mich hie und da, dass ich was besser nicht öffentlich gesagt hätte.

„Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.“
Johann Wolfgang von Goethe

Dialogmedien: Wolf und Schäfchen zugleich

Die heute zur Verfügung stehenden Dialogmedien machen es noch einfacher, in der Öffentlichkeit zu stehen und man kann einfach die Ferienfreundschaften auch noch nach Jahren wieder kontaktieren. Das ist der Vorteil, dass das Web nicht die gute Eigenschaft des Menschen besitzt, vergessen zu können und was es noch komplizierter macht, ist die Reichweite der Medien:

  1. 1 – 1:                Person A sagt Person B „Ich hab…“
  2. 1 – n                 Person B sagt Person C „Übrigens Person A hat..“
  3. n- n                  Das Geschwafel geht los
  4. n – n exp(n)     Jeder kann es wissen

Punkt 1 ist ein privates Gespräch, Punkt 2 schlecht über jemanden geredet, Punkt 3 was früher schon in der Gemeinde/Gruppe geschah: Alle wussten es, es wurde hinter vorgehaltener Hand – oder auch nicht – getuschelt. Man konnte umziehen und je nach dem wie weit man das tat, konnte die Informationskette gekappt werden oder man vergass es, weil das eine gute Eigenschaft der Menschen ist, zu vergessen.

Punkt 4 brauchten die Dialogmedien mit sich. Sie ermöglichten, dass jedem zustand, was sonst nur Stars zustand: In der Öffentlichkeit zu stehen, im Guten wie Schlechten. Meine Ferienbekanntschaften erfahren es genau so, wie meine neue Schule. Mehr noch: Während früher einfach ein Titel eines Mediums auf eine Story aufspringen konnte, kann es heute jeder und wenn er will, erst noch anonym und mit unglaublicher Vehemnenz.

Spätestens ab Stufe 3 steigt die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer dabei ist, der einfach mit Draufhauen beginnt und damit weitere Personen anzieht, die es gleich tun.

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
Albert Einstein

Wenn man selbst etwas öffentlich macht, kann es mit den Urteilen schon heftig werden, noch schlimmer wird es, wenn Dritte Privates öffentlich machen und noch schlimmer, wenn das mit Absicht geschieht. Einer Absicht, die wiederum dazu dient, dem Veröffentlichter mehr Ansehen und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Gründe sind für Täter und Opfer immer dieselben und diese Kräfte sind so stark, dass sogar ein Königshaus vibriert. Kein Wunder verstecken sich öffentliche Personen vermehrt hinter einem Pseudonym. Lady Gaga wäre wohl nur schwer im Telefonbuch zu finden. Sie schafft sich damit die Chance, später wieder ein Leben ausserhalb der Öffentlichkeit zu führen.

Nein, ich will die Dialogmedien nicht verteufeln, denn sie können in solchen Fällen auch helfen Verbündete zu finden, die sich für einen ins Zeug legen und eine Wende schaffen können. Das braucht aber immer Wortführer, die bereit sind einzustecken. Wie schwierig das ist, wurde schon am Beispiel des Buches/ des Films „Die Welle“ klar.

“The whole idea of The Wave is that the people in it have to support it. If we’re really a community, we all have to agree.”
Robert Billings (die Mitläufer-Figur aus „The Wave“)

Helfen Verbote?

Ich meine, dass Verbote wie z.B. FSK 18 nichts helfen. Im Gegenteil: Die süsseste Frucht war immer schon die verbotene. Ab 16 darf man Kinder haben, die meisten hatten schon vorher Sex. Vergleicht man die Entscheidung für Kinder mit der für Dialogmedien, wird schnell klar, wie gewichtig die Unterschiede sind. Weit sinnvoller erschiene mir, wenn man die Eltern und die Lehrer in die Pflicht nehmen würde, sich mit Dialogmedien zu befassen. Das schützt aber auch nicht davor, wenn jemand etwas Privates publik macht. Dagegen ist man schlicht machtlos.

Werte

So fällt in solchen Diskussionen der Ball wieder zurück auf die viel zitierten Werte. Aber welche Werte sind es denn, die wir bemühen wollen, um uns von einem mittelalterlichen Mob zu unterscheiden? Ich meine, es ist vor allem der Verzicht. In einer Gesellschaft, wo alles um viel Erfolg, Follower und Zahlen ganz im Allgemeinen geht, ist Verzicht nicht mehr gut angesehen oder nur dann, wenn man ihn als resultierende Erkenntnis erreicht. Ein Manager der nach einem Burnout kürzer tritt, wird aufs Schild gehoben, wenn er es vorher tut, ist er schnell zum Weichei abgestempelt. Ein Teenager der von seinen Eskapaden erzählen kann, ist unter seinesgleichen besser angesehen, als der, welcher zum Vornherein auf Markenartikel verzichtet, für den der erste Sex auch nach 20 stattfinden kann und der einen Teil seiner Ferien für gemeinnützige Arbeit hingibt.

Ein weiterer Wert, der uns – wie mir scheint – immer mehr abhanden kommt, ist die Menschen zu lieben. Denn all das Getratsche, all das Hintenrum kann ja sein, es liegt vielleicht sogar in unserer Natur. Vielleicht merkt man es ja erst auch gar nicht, dass sich dabei jemand als Opfer fühlt. Doch wenn man dann an den Punkt kommt,  wo man selbst erkennt, dass man einem Menschen mit seinem Tun schadet (was auch immer der Schaden ist  – siehe oben), sollte man sich regeln. Es schadet auch nicht, sich mal für eine Sache zu entschuldigen; wenn das öffentlich geschieht, zeugt das sogar von Grösse. Es braucht auch jemanden, der den ersten Schritt macht, wenn man sich wieder mit Toleranz begegnen möchte.

Mein Fazit

Es geht mir nicht darum, den Mahnfinger zu heben, ich bin ein Mensch wie andere auch und wenn ich von „wir“ schreibe, schliesse ich mich mit ein. Wie das mit komplexen Systemen so ist, lassen die sich nur langsam verändern, aber es ist wichtig daran zu arbeiten, damit wir Werte wie Verzicht wieder höher einstufen als Erfolg.

Im Fall von Amanda Todd ist alles zusammengekommen. Suche nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Liebe, Veröffentlichung von privaten Informationen, mehrfache vorsätzliche Verunglimpfung, Multiplikation über Dialogmedien, die Gruppe schlägt sich auf die Seite des Täters, ein Mob bildet sich, etc.
Hätte der Strudel zum fatalen Ende von Amanda Todd unterbrochen werden können? Das ist schwer zu sagen, denn die Geschichte wurde über die Medien vermittelt. Ich weiss zu wenig, was genau geschah. Aber mit Verzicht wäre das eventuell möglich geworden. Mit dem Verzicht des Täters, vor der Gruppe gut dazustehen. Vor seinem Verzicht aus der Anonymität zu handeln, dem Verzicht, das zu tun, was angesagt ist, mit dem Verzicht auf jemanden einzuprügeln, der schon am Boden liegt, dem Verzicht wegzusehen, dem Verzicht, ein schnelles Urteil zu fällen und dem Verzicht, jemandem eine neue Chance zu geben.

Und noch etwas scheint wir wichtig: Wir sollten daran arbeiten, damit das Internet vergessen kann. Das würde niemandem schaden und es würde das Leben, wie ich meine, wieder eine Spur lebenswerter machen.